Gibt es einen Gott? „Ja“, ist Dr. Christian Bensel, Philosoph und Linguist aus Oberösterreich, überzeugt. Für ihn ist der christliche Glaube in erster Linie ein begründeter Glaube. Er beschäftigt sich intensiv mit Fragen der Apologetik, ist Gründer der Plattform begruendetglauben.at sowie Referent und Mitarbeiter einer Kirchengemeinde in Wels. Im Interview mit unserer Stiftung spricht er über die Notwendigkeit durchdachter Argumente für den Glauben an Gott.

Herr Dr. Bensel, als Geisteswissenschaftler und bekennender Christ ist es Ihr Anliegen, den Gottesglauben mit Argumenten zu begründen. Warum brauchen Christen überhaupt Gründe, um an Gott zu glauben?

Dr. Christian Bensel: Die meisten Menschen werden, selbst wenn sie in irgendeiner Weltanschauung sozialisiert worden sind, irgendwann in ihrem Leben auf Leute treffen, die die Sache ganz anders sehen. Dann beginnt bei vielen ein Reflexionsprozess. Kein Mensch wohnt sein Leben lang nur unter Menschen, die alle dasselbe denken. Deshalb wird jeder früher oder später mit anderen Weltanschauungen konfrontiert werden. Treffen verschiedene Wahrheitsansprüche aufeinander, ist die Frage nach einem begründeten Glauben brandaktuell. Wenn Menschen uns fragen: „Warum glaubst du das?“, dann brauchen wir Gründe, die mehr liefern anstatt nur zu sagen: „Ich erlebe den christlichen Glauben einfach positiv.“ Das Gegenüber könnte antworten: „Ich erlebe es positiv, wenn ich Yoga mache.“ Wir müssen als Christen Argumente oder Gründe finden, die für andere auch nachvollziehbar sind.

Rational nachvollziehbare Gründe helfen Christen also dabei, ihren Glauben für Nichtchristen greifbar zu machen?

Ja, aber nicht nur. Es ist natürlich auch so, dass man als Christ im Leben durch verschiedene Ereignisse vor den Kopf gestoßen werden kann und sich dann fragen muss: „Passt das, was ich lebe, zu dem, was ich glaube?“ Es kann zum Beispiel jemand denken: „Wenn ich an Gott glaube, dann wird’s mir immer gut gehen.“ Und dann stirbt ein geliebter Bekannter oder die Person selbst wird krank. Dadurch kommen Fragen auf, die nach Antworten verlangen. Auch für solche Fälle brauchen wir Gründe.

Ist der persönliche, geheiligte Lebensstil eines Christen nicht das beste Argument?

Ich denke, dass wir beides nicht gegeneinander ausspielen sollten, sondern dass das Hand in Hand gehen muss. Ein Leben, das Fragen aufwirft, sollte mit Antworten begründet werden können. Wenn ich immer nur brav lebe, können sich meine Mitmenschen alle möglichen Gedanken darüber machen, warum das bei mir so ist: „Er hat einfach nette Eltern gehabt, oder gute Lehrer in der Schule.“ Ich kann immer freundlich und hilfsbereit sein, und die Leute werden nie auf die Idee kommen, warum das bei mir so ist, wie’s ist – außer ich fange damit an, ihnen etwas darüber zu erzählen. Sobald wir zu Reden beginnen, werden Fragen aufkommen, wie: „Diesen Jesus, von dem du da redest, hat’s den überhaupt gegeben?“ Wenn ich darauf antworte: „Natürlich, sonst könnte ich ja nicht so leben“, wird ihnen das vielleicht nicht reichen und sie wollen noch mehr hören. Im Neuen Testament werden Christen dazu aufgefordert, sprachfähig zu sein und Antworten geben zu können.

Viele Christen legen vor allem Wert auf die persönliche Gotteserfahrung. Sind solche Erlebnisse nicht überzeugender als irgendwelche rationalen Gründe?

Es gibt sehr viele Gründe, warum Menschen das glauben, was sie glauben. Manche davon sind überzeugender als andere. Für mich wäre es bestimmt wahnsinnig überzeugend gewesen, wenn ich eine Vision von Jesus im Himmel gehabt hätte. Das wäre für mich ein gigantischer Grund, an Gott zu glauben. Aber meine Mitmenschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, könnten sich denken: „Vielleicht hat er zu viel Käse gegessen und deshalb Halluzinationen bekommen.“ Erfahrungen, die rein subjektiv sind, können anderen sicher dabei helfen, offen zu werden für die Möglichkeit, dass Gott existiert. Aber um ihnen zu helfen, selbst den christlichen Glauben in Betracht zu ziehen, brauchen die Leute etwas, das sich nicht nur innerhalb meines Lebens abspielt. Etwas, das wir gemeinsam in der Welt beobachten können – Gründe, die wir diskursiv überprüfen können.

Was ist mit „Gründen“ eigentlich gemeint?

Wir sprechen nicht von Beweisen im mathematischen Sinn, aber von Beweisen im philosophischen, forensischen oder historischen Sinn. Aber auch viele persönliche Erlebnisse können mich dazu bringen, an Gott zu glauben.

Beweise also, die mit der Vernunft wahrgenommen werden können. Nun heißt es allerdings in der Bibel, beispielsweise Sprüche 3,5, dass wir nicht unserem Verstand vertrauen sollen. Wie sind solche Verse zu interpretieren?

Das Vertrauen, das in der Bibel eingefordert wird, bezieht sich nie darauf, dass ich meinen Fähigkeiten vertraue oder den Fähigkeiten anderer Menschen. In der Bibel geht es darum, Gott zu vertrauen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich meinen Verstand nicht verwenden darf. Gott hat uns einen Verstand gegeben und es steht explizit in der Bibel, dass Gott möchte, dass wir unseren Verstand auch verwenden – dass wir nachdenken und Weisheit lernen. Und wir sollen bereit sein, jedem eine Antwort zu geben, der uns dazu auffordert. Das letzte Vertrauen gehört nicht meinem Verstand, aber er ist ein Werkzeug, das mir hilft, die Welt kennenzulernen und zu erforschen. Das bedeutet nicht, dass ich etwas gegen Gefühle oder spirituelle Erfahrungen hätte. Ich sehe das sehr ganzheitlich. Gott hat den Menschen mit Gefühlen und Verstand geschaffen – mit verschiedenen Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen. Ich bin mir sicher, dass alle diese Dinge wichtig sind.

Ist Gott philosophisch beweisbar?

Ja. Aber natürlich gibt es Menschen, die diese Beweise nicht überzeugend finden. Die Argumente für die Existenz Gottes werden teilweise seit Jahrhunderten in der Philosophie kontrovers diskutiert. Wenn ein Detektiv einen Mordfall untersucht und alle Beweise, alle Zeugenaussagen, alle Indizien deuten darauf hin, dass der Gärtner der Mörder war, dann kann immer noch jemand behaupten: „Vielleicht war ein Außerirdischer da, der die Form des Gärtners angenommen hat. Ich glaube dir das nicht.“ Wenn wir Argumenten nicht glauben wollen, werden wir immer Auswege finden. Wer nicht will, kann auch nicht überzeugt werden. Der Philosoph Jürgen Habermas nannte das den „zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“. Niemand ist gezwungen, einem Argument zu folgen. Wir sollten uns jedoch immer von guten Argumenten überzeugen lassen.

Wenn Gott philosophisch beweisbar ist, was hat das Christentum überhaupt noch mit Glaube zu tun? Bedeutet Glaube nicht, etwas für wahr zu halten, was eben nicht beweisbar ist?

Die Vorstellung, dass Glaube der Gegensatz zu Wissen ist, die finde ich sehr problematisch. In der Bibel wird kein blinder Glaube von den Menschen gefordert, sondern ein Vertrauen in jemanden, der mir auch Anlass gibt, ihm zu vertrauen. Die Jünger haben zunächst nicht an die Auferstehung geglaubt, als ihnen davon erzählt wurde. Dann hat sich Jesus ihnen gezeigt und ihnen damit Gründe geliefert, ihm zu vertrauen. Das bedeutet aber nicht, dass ab diesem Zeitpunkt nie wieder Glaube notwendig war in ihrem Leben. Wenn man es mit einem lebendigen, allmächtigen und allwissenden Gott zu tun hat, der immer wieder in das Leben von Menschen eingreift, kommt man in Situationen, in denen Vertrauen notwendig wird. Ich habe bisher Gründe gehabt, aber nun geht es wieder einen Schritt weiter. Das wäre sonst so, als ob es ausreichen würde, dass mir meine Frau bei unserer Hochzeit versprochen hat, mich zu lieben. Aber das ist nicht genug. Ich möchte das auch sehen und erleben. Jeden Tag aufs Neue vertraue ich ihr, obwohl ich schon so viele Gründe habe. Glaube und Wissen ist für mich kein Gegensatz.

Wurde nicht der Apostel Thomas für sein Fordern nach Beweisen von Jesus gerügt?

Das ist die Frage, ob diese Bibelstelle wirklich so zu verstehen ist. Die Absicht des Johannesevangeliums, wo wir die Geschichte von Thomas finden, steht ja gleich danach: Es wurde geschrieben, damit wir Gründe haben, um Jesus zu vertrauen. Thomas war in einer sehr interessanten Situation, in der auch wir als Leser sind. Er hat gehört, dass Jesus auferstanden ist, er hat ihn aber noch nicht selbst gesehen. Er hat nur von seinen besten Freunden gehört, dass es wirklich so ist. Das konnte er erst glauben, als er Jesus begegnet ist. Als Jesus zu ihm sagte: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, spricht Jesus mehr über uns, die wir damals nicht dabei waren. Wir haben Jesus nicht gesehen aber trotzdem jede Menge Gründe, an seine Auferstehung zu glauben. Und einer davon ist das Johannesevangelium, in dem dieser Bericht geschrieben steht. Ich sehe es nicht so, dass Jesus sagt: „Du musst alles glauben, was dir irgendwer erzählt.“ Sondern: „Vertrau den Gründen, die du jetzt schon hast.“ Das Interessante ist, dass Jesus eingeht auf Thomas‘ Unfähigkeit zu glauben. Das ist das Tolle bei Jesus: Er ist offen für Zweifelnde.

Verleitet die Apologetik, also die Rechtfertigung des Glaubens mit der Vernunft, nicht dazu, dass unsere Gottesbeziehung eine sehr theoretische wird?

Bei mir ist das nicht so (lacht). Ich kann aber nicht für alle Menschen sprechen. Ich glaube, dass Gott eine ganzheitliche Beziehung zu mir haben möchte. Gott möchte, dass ich ihm mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Verstand liebe. In all diesen Bereichen soll mein Vertrauen wachsen – nicht blind, sondern begründet und durchdacht. Aber auch mutig und hingegeben. Mir helfen apologetische Überlegungen, also Argumente oder Gründe dafür, Jesus zu vertrauen, wenn ich Zweifel habe oder es mir schlecht geht. Ich weiß, dass mein Gefühlssturm nicht darüber entscheidet, ob Gott existiert. Da gibt’s noch andere Gründe, trotzdem festzuhalten, auch wenn man deprimiert ist. Was Apologetik auch bei mir bewirkt, ist, dass ich neu ermutigt werde. Ich denke mir: „Wow, das Ganze ist nicht einfach nur eine Erfindung sondern es gibt wirklich gute Gründe dafür.“ Die Argumente für die Existenz Gottes führen mich dazu, mich mehr mit Jesus zu beschäftigen. Das ist eine Person, die mich einfach nicht kalt lässt.

Ist der Glaube eines christlichen Akademikers fundamentierter als der Glaube eines christlichen Laien?

Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun.

Viele Gottesbeweise betreffen allerdings spezifische Fachgebiete – Biologie, Physik, Geschichtswissenschaft… Damit kann nicht jeder etwas anfangen.

Ja, klar. Es gibt Experten, die sich in ihre Spezialthemen hineintigern und irre technisch argumentieren können. Aber es gibt auch viele Argumente, die sehr leicht nachvollziehbar sind. Wenn es im ersten Petrusbrief heißt, dass alle Christen bereit sein sollen, den Menschen, die nach dem Grund ihrer Hoffnung fragen, eine durchdachte Antwort zu geben, dann müssen sich Gläubige bemühen, ein bisschen was zu lernen. Jesus erwartet von seinen Nachfolgern, dass sie von ihm lernen. Er ist ein Lehrer. Das bedeutet nicht, dass jeder Christ Philosophie studieren muss. Aber jeder Mensch ist von Gott begabt worden, sein Gehirn auf die Art und Weise, wie es ihm möglich ist, einzusetzen.

War Jesus ein Apologet?

Ja, war er. Er war ein Denker, ein Philosoph. Er hat argumentiert und war offen für Fragesteller und Zweifler. Er ist in Diskussionen verwickelt worden und hat seine Gesprächspartner durch gezieltes Fragen immer tiefer in bestimmte Überlegungen hineingeführt.

Überzeugend waren aber vor allem seine Wunder.

Manche haben sich davon überzeugen lassen, andere haben die Wunder gesehen und ihn für einen Besessenen gehalten. Die einen waren verwirrt, andere wollten noch mehr Wunder sehen. Die Jünger haben einmal ein Wunder erlebt und waren einfach nur entsetzt. Sie haben vor Furcht gezittert. Weder ein Wunder, noch ein Argument, noch ein makelloses, vorbildliches Leben kann letztlich das Herz eines Menschen weich machen. Aber Gott kann all diese Sachen verwenden, um einen Menschen mit seiner Liebe zu erreichen. Es gibt Leute die gläubig geworden sind, weil sie ein apologetisches Buch gelesen haben. Ich habe von einer Frau gehört, die hat das Buch „Pardon, ich bin Christ“ von C. S. Lewis gestohlen und ist, als sie es gelesen hat, Christin geworden.

Wenn die Auferstehung unzweifelhaft widerlegt werden könnte, würden Sie Ihren Glauben aufgeben?

Ja. Das würde sogar Paulus machen. Paulus schreibt im ersten Brief an die Korinther: „Wenn Christus nicht von den Toten auferstanden ist, ist unser Glaube sinnlos.“ Wenn die Auferstehung nachweislich widerlegt wird, dann bedeutet das, dass alles was Jesus gesagt und gelehrt hat, nicht stimmt. Das wäre ein sehr starker Grund, damit aufzuhören, an Jesus zu glauben.